Während Scrooge ganz gelassen dem schmalen Pfad in Richtung Norden folgte, ging Vraston einige Schritt hinter ihm. Der junge Waffenschmied hatte sich zuvor noch nie so weit von seinem Dorf entfernt. Die Wildnis, die sie umgab, bescherte ihm sichtlich Unbehagen.
Scrooge schmunzelte, nicht mehr lange und der Schmied würde mit eingezogenem Schwanz zurück zu seinem Amboss rennen. Bei jedem Rascheln im Unterholz der riesigen Bäume drehte sich Vraston erschrocken um. Jeder Laut eines ihm unbekannten Tieres in der Ferne ließ ihn sein Schwert ziehen und es schützend vor sich halten. Scrooge versuchte gelassen zu bleiben, doch das ständige Schaben und Klappern des Breitschwertes ging ihm auf die Nerven. Plötzlich hörte der Schwertmeister ein hartes Klicken im Unterholz rechts von ihnen. Er blieb stehen und horchte andächtig. Wieder vernahm er das Geräusch, es schien sich schnell auf sie zuzubewegen. Vraston schaute ihn fragend an und erst als Scrooge ihn auf das Geräusch hinwies vernahm er es auch. Wie wenn zwei Holzlöffeln aneinander geschlagen wurden nur harscher.
Sie verließen den Pfad und gingen auf das Geräusch zu. Vraston folgte dem Schwertmeister eingeschüchtert mit gezogener Waffe und auch Scrooge war kampfbereit. Plötzlich standen sie vor einem etwa Schaf großen Wesen mit einem Zangenähnlichem Greifwerkzeig am Maul, das beim Schließen das klickende Geräusch verursachte. Ihnen stand eine Riesentermite gegenüber.
Noch bevor Vraston reagieren konnte, hatte Scrooge bereits mit seiner Klinge zugeschlagen. Unter dem mächtigen Hieb platze der Chitinpanzer und eine goldgelbe Flüssigkeit spritze auf den Boden und benetzte die nahen Bäume. Das riesige Insekt brach leblos zusammen.
Vraston hätte schwören können, dass er zwei Treffer gehört hat auch wenn der Schwertmeister nur einen Hieb geführt hatte. In Euphorie über den schnellen Sieg betrachtete der Waffenschmied den Kadaver vor ihnen. Er hatte sich wahrlich einen vortrefflichen Kameraden für seine erste Reise ausgesucht.
Vraston brannte darauf, das Nest zu finden, um die Gefahr hier im Wald zu bannen. Scrooge erklärte ihm jedoch, dass dies ein Jungtier gewesen sein, wenn auch ein mächtiges, keine Frage. Mussten im Nest mehrere Hundert ausgewachsene Tiere auf sie warten, für ihn wäre es natürlich kein Problem aber der Waffenschmied müsste selbst auf sich achten. Da verblasste Vrastons Heldenmut schnell und er zog es vor, wieder auf den Pfad zurückzukehren und die dämmernde Nacht in sicherer Entfernung zu verbringen. Der Schwertmeister konnte sein Grinsen nur schwer verbergen.
Bald brach die Nacht heran und Scrooge fand einen geeigneten Platz für ein Lager. In wenigen Augenblicken errichtete er sein Zelt und entfachte ein kleines Feuer. Vraston hatte länger mit einem Zelt zu kämpfen. Mehrere mal brach es unter seinem eigenen Gewicht zusammen und begrub seinen Erbauer unter sich, der anschließend unter der Plane zappelnd den Ausgang suchte. Amüsiert betrachtet Scrooge das Schauspiel und fand ein paar neckische Bemerkungen für den Neuling. Während er genüsslich an seiner Ration kaute und seinen Greifen fütterte.
Scrooge riet ihm, das Zelt nicht in die Senke zu bauen, falls er nicht nass werden wollte. Sondern es neben seines am Hügel zu errichten. Nach fast einer Stunde war Vraston dem Zelt endlich Herr geworden.
Etwas Windschief stand es neben dem von Scrooge und der Waffenschmied setzte sich ans Feuer. Endlich konnte er sich seiner kargen Ration widmen. Für das Zelt und die Rüstung, war am Morgen sein ganzes Erspartes draufgegangen. Nur zwei Silberlinge waren ihm geblieben. So bestand seine Ration aus trockenem Brot und ein paar gedörrten Früchten. Erschöpft von den ungewohnten Strapazen verkroch sich Vraston bald in seinem Zelt und auch Scrooge legte sich kurz darauf zur Ruhe.
Früh am nächsten Morgen weckten sie die Geräusche des Urwalds, als die ersten schwachen Strahlen der Sonne, die das Blätterdach durchbrachen. Vraston kroch gähnend aus seinem Zelt und reckte sich. Mit einer ungeschickten Bewegung seines Schweifes brachte er seine labile Behausung zum Einsturz. Mit einem überraschten Blick schaute er sich um und zuckte mit den Schultern. Auch Scrooge kam aus seinem Zelt hervor und kümmerte sich um seinen kleinen Greif, der in der Nacht über sie gewacht hatte. Vraston hatte sein Zelt in Windeseile zusammengerafft und in seinen Rucksack gestopft, abbauen lag ihm wesentlich besser. Jetzt konnte er zufrieden kauend zuschauen, wie Scrooge sein Zelt routiniert und sorgfältig in seinem Rucksack verstaute.
Bald waren sie wieder auf dem schmalen Pfad, der sich durch das Unterholz schlängelte. Vraston war ruhiger als am Vortag und griff nur noch selten zu seinem Schwert, zog es aber nicht aus seiner Halterung. Er war wenig wachsam und vertrieb sich die Zeit, Scrooge über die Kear und seine Vergangenheit weiter auszufragen. Dieser schilderte seine Heldentaten ausschweifend und detailreich, bis er plötzlich einhielt und Vraston mit ausgestrecktem Arm stoppte. Aus dem Unterholz stürmten Wölfe auf die Helden zu. Der größte von ihnen und ein weiterer stürzten sich auf Scrooge, während sich der dritte gegen Vraston richtete.
Scrooge eröffnete den Kampf mit einem Hieb gegen den Körper des großen Wolfes. Die klinge grub sich tief in die seite des Tieres. Durch den Schmerz aufgepeitscht schnellte das Maul nach vorne, die langen Fangzähne borten sich durch die Rüstung tief in den Arm des Schwertmeisters. Vraston verfehlte seinen Schlag und auch das junge Tier, gegen das er sich messen musste, schnappte erst ins leere. Doch den zweiten Biss konnte der Schmied nicht abwehren und die Zähne gruben sich in sein Bein. Etwas unbeholfen schüttelte er den Wolf ab und traf das Tier mit seinem Breitschwert an der Schulter, das es unter Schmerzen aufheulte.
Neben ihm kämpfte der Schwertmeister wacker gegen seine zwei Gegner. Das große Biest hatte eine Wunde in seinem Schildarm gerissen.
Scrooge blockte zwei weitere Attacken der beiden und wie aus dem Nichts spaltete er den Schädel des Großen mit einem wuchtigen Hieb. Leblos sackte das Tier zusammen. Die übrigen Wölfe ergriffen verängstigt die Flucht und verschwanden fiepend im Dickicht.
Wieder konnten die beiden T’Skrang eine Kampf für sich entscheiden.
Scrooge machte sich gleich daran, den Wolf zu häuten und nahm außerdem noch einen Batzen Fleisch an sich, während Vraston ihn aufmerksam beobachtete.
Bald setzten sie ihren Marsch fort und erreichten vor Einbruch der Nacht einen Fluss der den Urwald durchschnitt. Scrooge entschied, dass sie etwas abseits der Brücke ihr Lager aufschlagen würden. Sie setzten sich ans Ufer und schauten auf das Wasser, das gemächlich an ihnen vorbei floss. Scrooge nahm einen kleinen flachen Stein in die Hand und schleuderte ihn über das Wasser, sodass er mehrmals auf die Oberfläche platschte und erst kurz vor dem gegenüberliegenden Ufer versank. Mit stolz geschwellter brust schaute er Vraston an. Dieser machte es seinem Lehrmeister nach und erreichte fast die gleiche Distanz. Herausfordernd wiederholte Scrooge das Kunststück, doch diesmal nutzte er seinen Schweif, um den Stein weit über den Fluss springen zu lassen. Auch bei diesem Kunststück stand der Lehrling dem Meister in nichts nach. So wetteiferten sie noch einige Zeit, bis ihre Mägen sie mit lautem Knurren aufforderten, sich endlich um ihr Nachtlager zu kümmern.
Scrooge hatte schon lange sein Lager bereitet, ein Lagerfeuer entfacht und die ersten Stücke Fleisch für seinen Greif gegrillt. Als Vraston nach mehreren Versuchen endlich sein Zelt errichtet hatte. Nicht weniger Windschief als am Vorabend, doch immerhin in der Hälfte der Zeit. Vorsichtig entfernte er sich rückwärts, um es nicht wieder mit seinem Schweif einzureißen, setzte sich neben Scrooge ans Lagerfeuer und begann mit seinem Abendmahl. Sie genossen die Kühle des Abends, die die drückende Hitze des Tages ablöste und blickten und bewundernd in den Sternenhimmel, der für sie über der Lichtung des Fluss funkelte.
Am nächsten Morgen wurde Scrooge durch das Scharren und Quengeln seines Greifen geweckt, der nach Aufmerksamkeit und seinem Frühstück verlangte. Die Sonne stand schon am Himmel und Vraston lag wenig anmutig auf dem Bauch in seinem Zelt, sein Schwanz und die Hälfte eines Beines ragten ins Freie. Mit eine leichten Tritt gegen den blaugrünen Schweif beendete Scrooge das gleichmäßige Schnarchen des Schmiedes. Nachdem der Greif versorgt war und sie selbst ein karges Frühstück zu sich genommen hatten, brachen sie ihr Lager ab und querten den Fluss.
Der Urwald lichtete sich zusehends und in der Ferne war bald ein wuchtiges Gebilde zu erkennen, das in den Himmel ragte.
Sie hatten den Kaer erreicht.
Einige hundert Schritt vor dem Kaer sahen sie eine kleine Rauchfahne in die Höhe steigen. Scrooge vermutete ein Lager, dessen Besitzer ihnen womöglich feindlich gesonnen waren. Er entschied, dass sie sich anschleichen würden, um die Besitzer auszukundschaften.
Das Kettenhemd des Schwertmeisters klirrte leise, als sich halb geduckt näherte und Vraston schien keinen Stock am Boden auszulassen. Als sie kurz vor dem Lager standen, schauten sie eine Elfe und ein Troll fragend an.
Sie hatten die beiden längst bemerkt und sich das Schauspiel verdutzt angeschaut.Ertappt und peinlich berührt, richteten sich die beiden T’Skrang auf und grüßten freundlich. Die Elfe und der Troll deuteten den kläglichen Versuch, nicht feindselig, sondern taten es für sich als komische Eigenart ab. Sie baten ihre Gäste zu sich ans Feuer und stellten sich vor. Die Elfe trug den Namen Me’Gana und war eine Schwertmeisterin wie Scrooge einer war. Der Troll war Luftpirat und stellte sich als Targ Knochenschlitzer vor.
Sie waren ebenfalls zum Kaer gereist, um die Schätze zu ernten, doch hatten zwei ihrer Gefährten den Mut verloren und waren im Angesicht des Eingangs geflohen.
Sie schlugen vor, gemeinsam ins Kaer vorzudringen und die Beute durch vier, gerecht zu teilen.
Scrooge und Vraston willigten ein und in der späten Mittagssonne erreichten sie mit ihren neuen Gefährten den Eingang.
Die massigen Flügel des Tores standen offen. Scrooge untersuchte das Tor nach beschädigungen die Aufschluss geben würden, warum der Kaer offen stand. Doch Vraston erklärte ihm ungefragt, dass er an diesem Material kaum Beschädigungen finden würde. Der Schmied berichtete ihm von dem Elementaren Erzen und der Handwerkskunst, die dieses Tor erschaffen hatte. Fast zärtlich ließ die Hand über die Oberfläche gleiten und schwärmte geradezu von er Härte und Widerstandsfähigkeit des Materials, dem feinen Schliff der Oberfläche, den präzisen Winkeln und Einzelheiten der mächtigen Scharniere. Scrooge, der eigentlich nur einen Vorwand suchte, um den neuen Gefährten den Vortritt zu lassen, falls sich Fallen oder Feinde vor ihnen befanden. Nutze den Redefluss gerne und heuchelte Interesse an den langwierigen Ausführen des Schmieds. Die Me’Gana und Targ schauten verwundert. Von Zwergen hätte man ein solches Interesse an einer alten Tür erwartet, aber für T’Skrang war es eher ungewöhnlich. Sie gingen an ihnen vorbei und betraten den Kaer. Als die beiden einige Schritte Vorsprung hatten, zog Scrooge den faszinierten Vraston abrupt hinter sich her und vor ihnen lagt eine schier endlos anmutende Treppe deren Ende in der Dunkelheit verborgen lag. Stufe um Stufe stiegen sie hinab, die Wände waren teils deckenhoch mit kunstvollen Verzierungen und Runen geschmückt.
Die Nerven der Abenteurer waren bis zum Zerreißen gespannt, was wartete in der Dunkelheit auf sie? Monster, Dämonen oder andere Gruppen, die ihnen die Beute streitig machen würden?
Nur Vraston konnte die Augen nicht von den Wänden lösen, mit halb offenem Maul sog er all die Eindrücke in sich auf. Die Fackel in seiner Linken schwenkte er unablässig umher, um immer neue Runen zu entdecken. Das Schwert in seinen Rechten hing schlaff herunter, er hatte nur Augen für die fremden Strukturen um ihn herum, nicht aber für die Gefahren, die vor der Gruppe lauern könnten.
Me’Gara, die Elfe führte die Gruppe an, sie hatte eine kleine Laterne an ihrem Gürtel befestigt, die den Bereich vor ihnen beleuchtete, ein Schild in der Linken und ein elegantes Schwert in der Rechten. Der Troll ging neben ihr, die groben Händen hielten einen großen Hammer umschlungen, immer bereit einem plötzlich angreifenden Gegner die schwere Waffe entgegen zu schleudern. Scrooge folgte den beiden mit wenigen Schritten Abstand in der Linken eine Laterne, die den Bereich um ihn herum gleichmäßig erhellte, in der anderen sein Schwert.
Nach einem minutenlangen Abstieg, endete die Treppe und eröffnete sich vor ihnen in einen großen, mit Säulen gestützten Raum. Auch hier waren die Wände mit einer schier unendlichen Zahl von Runen bedacht worden. Säuberlich ordneten sich die Runen in Segmente und kleine Gruppen, die sich mit Freiräumen oder verschnörkelten Linien von den anderen Gruppen abgetrennten.
Vorsichtig schritt die Gruppe nah an den Wänden vorbei, um zumindest von einer Seite keine Angriffe befürchten zu müssen.
Scrooge hielt kurz inne und versuchte, sich einen Reim aus den Runen zu machen, doch blieb ihm die Erkenntnis über den Sinn verwehrt. Vraston erkannte die fragende Miene seines Gefährten auf und begann, etwas abwesend, über seine Erkenntnisse zu berichten.
Er war in seinem Leben einigen Runen und magischen Gegenständen begegnet und konnte die Strukturen und magischen Fäden ihnen spüren. Nur wenige Runen an den Wänden vermochte er zu benennen, in anderen erkannte er eine Ähnlichkeit zu Bekanntem. Er konnte in ihrem Zusammenhang den Nutzen vermuten. Vorsichtig tastete er sich die Wand entlang.
Einige dienten, um Dämonen fernzuhalten. Andere um Gefahren zu erkennen und sichtbar zu machen oder um ihre Erschaffer und Verbündeten vor Schaden zu bewahren.
Er machte klar, dass all dies nur Vermutungen waren. Mit absoluter Sicherheit stellte er aber fest, dass diesen Runen keine Macht mehr innewohnte und sie ihren Zweck seit Langem nicht mehr erfüllten.
Diese Klarheit ließ die Elfe und den Troll zusammen zucken und sie schauten den Waffenschmied erschrocken an.
